Pirogowo
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Callya = Kolja = Kiewstar. Kommt Pirogowo von Piroggen?

 
Was verbirgt sich hinter dieser Überschrift? Ein Wortspiel, eine Formel für Eingeweihte, ein Insiderwitz oder einfach nur ein kleines Rätsel, das man mit etwas sprachlichem und landeskundlichem Wissen locker lösen kann? Für uns keine Schwierigkeit. Denn wir, die Kijvies des Franziskaneums Meißen blicken nun schon auf unseren dritten Schüleraustausch mit unserer Partnerschule in der Hauptstadt der Ukraine zurück. Wir kennen uns aus. Wir wissen, wovon wir sprechen. Denn anders als bei anderen Partnerprogrammen üblich, waren und sind einige von uns zum wiederholten Male dabei. Vieles haben wir bereits gesehen, doch Kiew mit seiner Vielzahl an Sehenswürdigkeiten hielt immer neue Überraschungen für uns bereit. Staunend standen wir vor den goldenen Kuppeln der alten Kirchen und Klöster, bummelten über den Krestschatik, Kiews Prachtstraße, die am Wochenende verkehrsfrei ist und Jung und Alt zum Bummeln einlädt, testeten die Fluten des Dneprs, der sich mitten durch die Millionenmetropole schlängelt und mit seinen Sandstränden nicht nur die Einwohner zum Verweilen einlädt, fanden uns im Großstadtdschungel zurecht, fuhren Metro, als hätten wir nie etwas anderes getan und pilgerten immer wieder nach Pirogowo. Denn dieses Dörfchen hatte es uns angetan.
Eigentlich war es ja kein richtiges Dörfchen, sondern ein Museum. Aber ein Museum, dem man eigentlich gar nicht anmerkte, dass es ein Museum war. Wahrscheinlich zog genau dieser Umstand uns an. Es war ein Freilichtmuseum, in dem man vergangene Zeiten fühlen konnte. Keiner von uns hatte je ähnliches gesehen. Hier konnte man Geschichte hautnah erleben. Die Hütten wirkten so authentisch, als würden noch Menschen darin wohnen und arbeiten. Solche Museen unter freiem Himmel nennt man übrigens Skanzen. Der Name stammt aus dem schwedischen. Das erste Museum dieser Art wurde 1891 in Stockholm gegründet. Dort befinden sich 150 Gebäude verschiedener Epochen, während es in Pirogowo doppelt so viele sind. Und das auf 150 Hektar Land. Und während die Schweden das natürlich umsatzträchtig vermarkten, scheint in der Ukraine die Zeit stehen geblieben zu sein. Deshalb wollten wir dieses Wunder in Bild und Ton festhalten, um es unseren Mitmenschen zeigen zu können, falls es irgendwann aus Geldmangel schließen müsse. Das Museum wurde 1969 gegründet. In allen Gebieten der Ukraine wurden uralte „Chatas“ (ukrainisch für „Holzhaus“), Kirchen, Mühlen und handwerkliche Einrichtungen bis auf die letzte Bohle demontiert, markiert und nach Pirogowo gebracht, wo sie wieder aufgebaut wurden. Danach wurden sie mit wissenschaftlicher Präzision mit Möbeln und Gegenständen des täglichen Lebens aus ihrer Zeit bestückt. Das älteste Gebäude stammt aus dem Jahre 1587! Zusätzliche Geschichte wird auf den ungefähr 20 alljährlich stattfindenden traditionellen Festen präsentiert. Man kann an einem altertümlichem ukrainischen Jahrmarkt teilnehmen, auf dem Stickerinnen, Weberinnen, Kupferstecher, Schmiede, Töpfer, Glasbläser und Meister der Flechtarbeit ihr Können darbieten und der wie auch alle anderen Höhepunkte auf wissenschaftlichen Forschungen beruht und somit absolut authentisch ist. In fünf der uralten Holzkirchen Pirogowos (die älteste ist aus dem 16. Jahrhundert) werden immer noch Gottesdienste durchgeführt, Ehen geschlossen und Kinder getauft. Pirogowo ist das größte völkerkundliche Museum in Osteuropa. Im Prinzip ist es nichts anderes als eine verkleinerte Kopie der Ukraine. Die Besucher werden auf eine Reise durch alle Regionen des Landes – von Saporozje bis Wolyn, von Tschernigow bis zur Krimhalbinsel – eingeladen. Dazu kommt, dass die Höfe nicht einfach willkürlich in malerischer Unordnung angelegt wurden, sondern entsprechend den Besonderheiten ihrer ethnographischen Herkunft. Um all das bewundern zu können, braucht man einige Tage.
Wir hatten nur wenige Stunden. Doch da wir schon einmal da gewesen waren, kannten wir uns aus. Eine Museumsführerin trug tatkräftig zum Gelingen unseres Vorhabens bei. Wir starteten unseren Rundgang an der „Chata“ aus dem Jahre 1587. Es hat schon fast etwas Unheimliches an sich, wenn man weiß, man sitzt auf der Veranda eines mehr als 400 Jahre alten Gebäudes von unschätzbarem Wert und packt sein Frühstücksbrot aus dem 21 Jahrhundert aus. Eine der Hütten mit der Aufschrift 17. – 18. Jahrhundert soll übrigens Zar Peter der Erste auf seinem Weg zum Asowschen Meer besucht haben. Also zu einer Zeit als Sankt Petersburg noch Sumpfgebiet war. Einfach phänomenal. Lachen mussten wir über ein uraltes Bügeleisen, welches man nie als solches erkannt hätte. Gebannt verfolgten wir die Erläuterungen unserer Begleiterin zur Funktion der Mühlräder und der Bewirtschaftung der Bienenstöcke, die sich auf Bäumen befanden. Ehrfurchtsvoll betraten wir die uralten Holzkirchen und die Dorfschule, in der sich außer vorsintflutlichem Mobilar auch der Wohnraum des Lehrers befand. Zwischendurch stapften wir immer wieder durch die unberührt wirkende Landschaft, denn die einzelnen Exponate waren auf dem riesigen Gelände sehr weitläufig angeordnet. Eine Ameisenarmee kreuzte unseren Weg, ein Hund begleitete uns, immer auf Futter hoffend, Katzen räkelten sich in der Sonne und um uns herum wogte ein Meer wilder Blumen. Einmal bat uns unsere Führerin den Blick abzuwenden. Doch neugierig wie wir waren, schauten wir trotzdem hin. Wir sahen einen abgebrannten Huzulenhof (Bergvolk aus den Karpaten) und wie wir später in Erfahrung brachten war dieser Opfer eines Anschlages geworden, wie sie wohl in letzter Zeit nicht selten vorkommen, da das Geld weder für die Erhaltung der wertvollen Kunstschätze noch für deren Schutz reicht. Zu Sowjetzeiten wurde das Museum akribisch bewacht und besaß eine eigene Feuerwehr, während heute gerade mal sechs Mann pro Schicht zur Verfügung stehen. Und auch dieses mehr aus wissenschaftlichem Enthusiasmus, denn die Griwna rollt nicht. Jedenfalls befand sich in besagtem Hof eine einmalige Kollektion von Truhen aus dem 18. Jahrhundert. Der Brand sollte wahrscheinlich nur den Diebstahl dieser decken. Insgesamt wurde der Schaden auf 4 Millionen Griwna beziffert.
Langsam wurden wir müde und so machten wir das, weswegen auch andere Besucher nach Pirogowo kommen. Wir setzten uns auf eine der riesigen Wiesen, deren Ende am Horizont nicht abzusehen ist und streckten alle viere von uns. Denn auch das macht diesen Ort aus. Aufgrund des geringfügigen Eintrittpreises lädt er geradezu dazu ein, einfach nur zu Picknicken, zu Reiten, sich zu Sonnen oder auch an der frischen Luft zu feiern. So beobachteten einige von uns ein privates Fest, welches auf einer der Wiesen stattfand und auf dem sich viele Menschen in traditioneller ukrainischer Kleidung tummelten. Einige waren gerade dabei eine Festtafel herzurichten, während andere einen Fechtkampf verfolgten. Als wir Pirogowo am Abend erschöpft, aber glücklich mit mehrstündigem Filmmaterial verließen, konnten wir auf einen weiteren erlebnisreichen Tag unseres Schüleraustausches zurückblicken, der, wie einer von uns sagte: ,, uns noch lange in Erinnerung bleiben wird und wie schon beim ersten Mal, viel zu schnell vorbei war“.

Für weitere Informationen bezüglich des Schüleraustauschs können Sie den Internetauftritt des Franziskaneum Gymnasium Meißen besuchen.

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